„Eines werde ich immer bleiben: Tätowierer mit Leib und Seele!“

Star-Tätowierer Mario Barth blickt im Sonntags-Talk auf seine Karriere zurück. Fotos: Mario Barth Tattoo

Star-Tätowierer Mario Barth blickt im Sonntags-Talk auf seine Karriere zurück. Fotos: Mario Barth Tattoo

Der gebürtige Bregenzer Mario Barth tätowiert Stallone, Kravitz & Co. und hat ein besonderes Faible für Kässpätzle.

WANN & WO: Kürzlich hast du ja wieder ein neues Studio in Graz eröffnet, geboren wurdest du aber in Bregenz. Welche Erinnerungen hast du an deine Zeit in Vorarlberg?

Mario Barth: Nun ja, ich bin zwar in Bregenz auf die Welt gekommen, nach sechs Monaten sind wir dann aber nach Graz gezogen. Ich habe sehr schöne Erinnerungen ans Ländle, besonders an Bregenz und an den Bodensee, wo ich öfters vorbeischaue. Tief in meinem Herzen hat sich also irgendendwo ein Teil von Vorarlberg verankert.

WANN & WO: Warst du schon als Kind ein „Kreativkopf“? Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit?

Mario Barth: Eigentlich nicht, ich habe aber auch nie wirklich darüber nachgedacht. Ich war ein sehr technikbegeistertes Kind und wollte zunächst Computerfachmann werden – meine Oma arbeitete damals bei Siemens als Telefontechnikerin. Ich habe ständig irgend­etwas repariert – vom Computer bis hin zum Telefon. Mit meiner Familie waren wir ständig in der Natur unterwegs, das war meinen Eltern sehr wichtig.

WANN & WO: Wann hast du deine Leidenschaft für Tattoos entdeckt?

Mario Barth: Mein Vater hatte eines aus seiner Zeit beim Bundesheer, das ich ihm dann Jahre später gecovert habe. Als er mir erklärt hat, wie sie dieses Werk beim Heer mit einer herkömmlichen Nadel gestochen haben, folgte mein erster Tattoo-Versuch bei einem Freund – damals war ich zwölf. Mit 19 ließ ich mir dann mein erstes Tattoo in Graz stechen und bin vollends von der Leidenschaft gepackt worden. 1987 flog ich nach Orlando und habe dort bei Sailor Bill Johnson America Tattoo meine ersten richtigen Erfahrungen gemacht. Dort fiel für mich die Entscheidung, mein Leben dieser Kunst zu widmen. Zurück in Österreich fand ich Anschluss in der Szene und arbeitete mit Legenden wie Claus Fuhrmann, Bernie Luther oder Sigi aus Linz. Junkfood Johnny war der Erste, der mich dann auf eine Tätowiershow mitgenommen hat.

WANN & WO: Aktuell wird das Thema der „Ausbildung zum Tätowierer“ in Österreich wieder diskutiert. Wie hast du die Kunst erlernt, wie stehst du zur Debatte?

Mario Barth: Ich war ein „Scratcher“ und wir haben uns damals alles selbst beigebracht. Ich mag den Begriff „Scratcher“ nicht, ich finde „Aspiring Tattoo-Artist“ besser. Meiner Meinung nach sollte der Beruf ein Ausbildungsberuf werden, denn das Handwerk des Tätowierens muss richtig gelernt und beherrscht werden, bevor man sich überhaupt künstlerisch entfalten kann. Erst dann wird man seinen eigenen Stil finden. Als Tätowierer erhält man jeden Tag das Vertrauen seines Kundens, umso wichtiger ist eine fundierte Ausbilung – „Education is the key“. Gerade in unserem Beruf lernt man nie aus, ich bilde mich heute noch gerne weiter.

WANN & WO: Du hast damals das erste Tattoo-Studio in Österreich eröffnet. Mit welchen Problemen hattet ihr zu kämpfen?

Mario Barth: Ganz einfach, es gab kein Gewerbe. Außerdem war es zu diesem Zeitpunkt sehr verpönt – Tätowieren fand damals irgendwo im Untergrund statt. Deshalb war es anfangs auch unglaublich schwierig, ein Mietobjekt für mein Studio zu finden. Also haben wir uns für die Anmeldung eines freien Gewerbes entschieden und so den Weg für die Szene in Österreich geebnet. Unglaublich, wenn man die Situation 1987 mit der Anzahl an Studios heute vergleicht.

WANN & WO: Wann hast du dich entschieden, den Schritt in die USA zu wagen?

Mario Barth: Mitte der 90er hatte ich von der nach wie vor ablehnenden Haltung unserem Gewerbe gegenüber die Nase voll. Und in den Staaten war diesbezüglich „das Gras einfach grüner“, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mit unseren für damalige Verhältnisse sehr farbigen und vom Stil her neuen und frischen Tattoos fanden wir regen Anklang. Vier Jahre lang haben wir nichts anderes gemacht, als auf Tattooshows in den ganzen Vereinigten Staaten aufzutreten. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – ein Leben ganz im Zeichen unserer Leidenschaft. So hat sich dann unser Kundenstock langsam vergrößert und die Sache kam ins Rollen.

WANN & WO: Inzwischen hast du schon zahlreiche Superstars wie Sylvester Stallone, Tommy Lee, Jason Kidd, Avril Lavigne, uvm. tätowiert. Wie unterscheiden sich die Superstars „unter der Nadel“ von „herkömmlichen“ Kunden?

Mario Barth: Gar nicht. Sobald jemand auf meinen Sessel sitzt, sind alle gleich. Mit denselben Geschichten, Gefühlen und Problemen, nur mit einem unterschiedlichen Bekanntheitsgrad. Ich kann nur sagen, dass der Großteil dieses Klientels sehr bodenständige Menschen geblieben sind. An Sylvester Stallone hat mich überrascht, wie intensiv er sich mit der Tattoo-Kunst auseinandersetzt. Er muss Fachmagazine und Literatur zum Thema geradezu verschlingen!

WANN & WO: Wie gehst du mit Niederlagen um?

Mario Barth: Ich nehme sie nicht an, ich akzeptiere sie maximal als Steine in meinem Weg. Man kann mit dem Kopf nicht ewig gegen eine Wand rennen, wenn dort keine Tür ist. Oft muss man nur ein wenig zur Seite treten und findet einen Durchgang. Meine größte Niederlage war der Verlust meines Neffens durch einen Selbstmord. Am meisten zermürbt mich, dass ich damals vor rund 30 Jahren einfach nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein konnte. Ich kann nur jedem wünschen, dass man niemals in solch eine Situation kommt. Deshalb mache ich aus jedem Tag mit meinen Liebsten das Beste. Es gibt das Sprichwort: „Live like you were dying.“ Tommy Lee meinte: „I’d rather die like I lived“.

WANN & WO: Wie hat sich die Tätowierkunst in den letzten Jahren entwickelt?

Mario Barth: Unglaublich, am besten in den letzten fünf Jahren. Die Entwicklung ist wahnsinnig rasant. Ich sehe heute Künstler, die seit sechs Monaten tätowieren und besser sind, als Leute, die seit 30 Jahren in unserer Branche arbeiten. Die Kunst und das Handwerk haben einen neuen Level erreicht, mit keinem Ende in Sicht.

WANN & WO: Gibt es jemanden, den du aktuell besonders gerne „pecken“ würdest?

Mario Barth: Andreas Gabalier und Arnold Schwarzenegger. Es gab diesbezüglich schon Gespräche, aber wie wir alle wissen, entstammt „Arnie“ eher der „Alten Schule“. Ich tätowiere aber gerne jeden, der mir die Ehre zuteil werden lässt.

WANN & WO: Am 19. und 20. August steigt im Bürser Lünerseepark „The Art & Ink Circus“, organisiert von Bianca und Leander von The Ink Lab B.inks. Auch von deinem Grazer Studio wird ein Tattoo-Artist kommen – welche Beziehung hast du zu den beiden sympathischen Oberländern?

Mario Barth: Sie haben mich in den USA bei meinen Shows besucht und so ist eine echte Freundschaft entstanden. Leider kann ich persönlich nicht zu ihrer ersten Convention kommen, da ich zu diesem Zeitpunkt nicht in Europa sein kann – wegen der Hochzeit eines sehr guten Freundes, die bereits lange vorher feststand. Ich kann ihnen nur gratulieren, da sie sehr bemüht sind, die Szene zu vernetzen und etwas voranzutreiben.

WANN & WO: Als Fan der traditionellen Küche aus Österreich und Vorarlberg – wo gibt es in den USA die besten „Kässpätzle“?

Mario Barth: Nirgends, absolut nirgendwo. Als Steirer und Österreicher geht mir diese Küche extrem ab. Und die Amerikaner bringen es einfach nicht auf die Reihe, ansatzweise diese Qualität zu erreichen.

WANN & WO: Musik ist auch von zentraler Bedeutung für dich. Wie läuft dein aktuelles Bandprojekt „About Kings“?

Mario Barth: Super, unerwartet gut. Vor einigen Wochen hatten wir die Möglichkeit, auf der Berliner Waldbühne vor der Show meines Namensvetters und Comedians Mario Barth aufzutreten, vor 24.000 Leuten. Wir haben auch viele Anfragen für weitere Auftritte, aktuell stellen wir die Band zusammen und ich glaube, bis zum Ende des Jahres werden wir das Studio-Album fertigstellen. Das Video zur Single „Easy Rider“ entstand übrigens in der Wüste vor Las Vegas. Musik ist für mich der ideale Ausgleich zum Tätowieren. Ich arbeite vier bis fünf Tage die Woche als Tattoo-Artist und habe eine Auftragsliste mit einer Wartezeit von eineinhalb Jahren. Eines werde ich immer bleiben: Tätowierer mit Leib und Seele – auch wenn eine Rockstar-Karriere lockt (schmunzelt).

<p class="caption">Superstars wie Avril Lavigne vertrauen auf die kunstfertigen Hände von Mario Barth.</p>

Superstars wie Avril Lavigne vertrauen auf die kunstfertigen Hände von Mario Barth.

<p class="caption">Ebenfalls Kunden: Sylvester Stallone ...</p>

Ebenfalls Kunden: Sylvester Stallone ...

<p class="caption">... und Lenny Kravitz. Fotos: Mario Barth Tattoo</p>

... und Lenny Kravitz. Fotos: Mario Barth Tattoo

„An Sylvester Stallone hat mich überrascht, wie intensiv er sich mit der Tattoo-Kunst auseinandersetzt. Er muss Fachmagazine und Literatur zum Thema geradezu verschlingen!“

Mario Barth über einen seiner berühmtesten Kunden

WORDRAP

Zur Person

Name: Mario Barth
Geboren am: 15. Juli 1966 in Bregenz
Beruf: Star-Tätowierer, Musiker, Inhaber Starlight Tattoo (Starlight Tattoo New Jersey, Starlight Tattoo Mirage, Starlight Tattoo Las Vegas, Starlight Tattoo Graz)